Teilnehmer der Gedenkkreuzeinsegnung

Enthüllung der Gedenktafel

Text der Gedenktafel

Gedenkkreuz
Edelfried Baginski und Ilse Masuch

Predigt aus Anlass der Einsegnung des Gedenkkreuzes auf dem ehemaligen evangelischen Friedhof in Ortelsburg/Szczytno

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit uns allen von nun an bis in Ewigkeit. Amen Gottes Wort, das wir aus diesem besonderen Anlass betrachten wollen, finden wir im Neuen Testament, in der Offenbarung des Johannes, Kapitel 14 Vers 13, wo wir folgendes lesen:

"Und ich hörte eine Stimme vom Himmel zu mir sagen: Schreibe: Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben von nun an. Ja, der Geist spricht, dass sie ruhen von ihrer Arbeit; denn ihre Werke folgen ihnen nach." So viele Worte der Heiligen Schrift, und dich Herr bitten wir: Segne diese Betrachtung deines heiligen Wortes, denn dein Wort war, ist und wird eine ewig währende Wahrheit sein. Amen.

Wenn wir das Gelände irgendeines Friedhofes betreten, dann betreten wir das Königreich des Todes, wir treten ein in das Haus der Verstorbenen, sowohl derer die hier seit kurzem ruhen, als auch derer, die hier seit vielen Jahren beerdigt sind.So ist es auch im Fall dieses ehemaligen evangelischen Friedhofs auf dessen Gelände wir uns hier heute befinden. Angelegt wurde er in der ersten Hälfte des XIX Jahrhunderts und seine Erde bedeckt viele Generationen ehemaliger Einwohner der Stadt Ortelsburg, verschiedener Konfessionen. Auf einem Teil seines Geländes beherbergt er deutsche und russische Soldaten die im 1. Weltkrieg (1914-1915) gefallen sind und hier ihre letzte Ruhe fanden.

Wir stehen hier also unter denen, die uns aus der Gegenwart in die Ewigkeit vorausgegangen sind. Wenn wir heute einige hier noch einige erhaltene alte Gräber betrachten, dann empfinden wir die Bedrohlichkeit und die Macht des Todes. Der Tod kreist nämlich ständig um uns herum und wir wissen nicht, wann und wo wir seine Beute werden. In Wahrheit ist der Tod in dem bestimmten Moment nur eine Möglichkeit, wie jede andere Bedrohung, aber im Grunde unterscheidet er sich von allen anderen Bedrohungen durch seine Notwendigkeit und nicht durch seine Möglichkeit. Aber wie bei allen anderen Gefahren gewöhnen wir uns auch an diesen Gedanken und verdrängen ihn. Die täglichen Verpflichtungen und die Arbeit dämpfen die Gedanken daran, so dass wir nicht ständig an den Tod denken, und das ist auch gut so. Andernfalls wären wir zu keiner anderen Handlung fähig, zu keinem normalen Leben.

Dennoch verbirgt sich hinter dieser Haltung eine ernsthafte Gefahr. Denn vergessen wir den Tod, dann vergessen wir auch an das zukünftige Leben, an die Verantwortung vor Gott, an das jüngste Gericht und an die Erlösung der Seele zu denken. In Wahrheit verlangt Gott nicht von uns, dass wir wie bestimmte Mitglieder eines Ordens an nichts anderes mehr denken, als an den Tod und ständig wiederholen: Memento mori (Gedenke des Todes). Der Mensch ist nämlich zum Leben berufen und nicht zum Tod. Trotzdem sollten wir daran denken, dass wir sterben müssen und darauf vorbereitet sein um friedlich und würdevoll zu sterben. Wir lesen im Psalm 90,12: "Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden".

Was ist der Tod? Die Heilige Schrift sagt, dass er die Strafe für die begangenen Sünden sei. Sagt aber auch, dass Christus auferstanden ist, und dass wir alle auferstehen werden, egal ob wir das wollen oder nicht (Johannes 5, 28-29), und dass wir gerichtet werden "jeder nach seinen Taten" (Offenbarung 20,12-15). Solch eine Ankündigung löst bei einigen Angst aus, bei anderen eine sehnsüchtige Erwartung. Nach diesem Tag sehnen sich alle, die Christi Worte hören und an ihn glauben, denn wer mein Wort hört "hat das ewige Leben und kommt nicht in das Gericht, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurch gedrungen" (Johannes 5, 24). Auch wir Christen fürchten uns an der Grenze zwischen dem bekannten und unbekannten Leben. Menschen nehmen das Leben leicht, und auch den Tod.

Wenn wir Christen über den Tod nachdenken, dann gedenken wir gleichzeitig des Todes von Jesus, der für uns gestorben ist. Der Tod Jesu war das Gericht, die Vollstreckung des Todesurteils, das auf uns lastete. Aber ausgeführt wurde es an Christus. Das Sterben eines Christen vollzieht sich unter der Macht des Todes die Jesus für uns getragen hat. Ein kluges Herz gewinnt der, der weiß, dass er sterbend, ganz auf die Gnade Gottes angewiesen ist, dass er aus der Gnade lebt und leben wird. Durch das Sterben treten wir in die Dunkelheit wie in einen Tunnel, aber in dieser Dunkelheit sieht man bereits das Licht, das sich am Ende des Tunnels; an seinem Ausgang, befindet. Das Licht des ewigen Lebens. So wird der Tunnel zum Symbol des Todes, wird zum Zeichen des Übergangs zum ewigen Leben. Inmitten der Stille der Gräber und Urnen dieses Friedhofes, zwischen dem Nachdenken und Gedenken über das Leben derer die von uns gegangen sind und hier ruhen, hört man den Freudenschrei der Auferstehung.

Langsam erlöschen alle unsere Lichter, eines nach dem anderen, aber der Tod ist in der Lage nur das auszulöschen, was Gott ihm erlaubt. Der Mensch besitzt ein Licht, das auch der Sturm des Todes nicht zu löschen vermag – und dieses Licht ist Jesus Christus, in dem alle hier auf diesem Friedhof ruhen. Amen.

Pfarrer Prof. Dr. Alfred Tschirschnitz