Die Fotos sind vom Heimatseminar im Jahr 2012

Heimatseminar der Kreisgemeinschaft Ortelsburg  

Zu dem 5. Seminar der Kreisgemeinschaft Ortelsburg vom 26.-28.10.2012, das im Ostheim der Landsmannschaft Ostpreußen in Bad Pyrmont abgehalten wurde, trafen sich 45, nach 1945 geborene, Teilnehmer. Davon gehörte zwar die größere Gruppe der in der Bundesrepublik geborener zur Bekenntnisgeneration, einen sehr großen Anteil verzeichnete aber auch die Gruppe der Spätaussiedler, deren Geburtsorte noch im ehemaligen Kreis Ortelsburg lagen, sowie 5 Gäste der deutschen Minderheit des Kulturvereins "Heimat", die zu diesem Seminar aus Szczytno/Ortelsburg angereist waren. Viele kannten sich aus der Kreisgemeinschaft, aus Vorgängerseminaren, aber es waren auch neue Gesichter dabei. So gab es auf der einen Seite ein "Hallo", aber auch genau so ein Kennenlernen.

Nach dem gemeinsamen Abendessen am Freitagabend fanden sich die Teilnehmer im Konferenzsaal zur gemeinsamen Begrüßung durch den Vorsitzenden der Kreisgemeinschaft Ortelsburg und gleichzeitig Seminarleiter, Dieter Chilla, ein. Der Freitagabend stand unter dem Motto "Erinnerungen". So sprach der Ehrenvorsitzende der Kreisgemeinschaft, Edelfried Baginski, über seine Kindheit in Ortelsburg in den Dreißigerjahren. Er veranschaulichte seinen Bericht durch alte Fotos und Ansichtskarten. Er sprach von einer rundum glücklichen Kindheit und Jugendjahren, ja, bis das Unfassbare geschah "und Ortelsburg verloren ging".

Seine Lebenspartnerin, Helga Frankiewicz, berichtete von einem Besuch in der alten Heimat, wie sie auf ihrer Reise an einem Haus vorbei kam, in dem sie nach der missglückten Flucht eine Zeit ihres Lebens verbracht hatte. Die heutigen Bewohner ließen sie ins Haus und so brachen alte Erinnerungen wieder auf. Sie erzählte von der damaligen Not, Angst, den Entbehrungen. Ja bis der Tag gekommen war, an dem man die geliebte Heimat verlassen durfte. Ein Widerspruch in sich.

Gregor Gonsowski, ein 1959 in Montwitz/Willenberg geborener Spätaussiedler, erzählte von seinem Lebensablauf. Als Kind fiel es ihm in dem polnischen Ostpreußen nicht ganz so schwer. Mit den Kindern seines Dorfes kam er schon zurecht, auch wenn er der Deutsche war. Es gab Unannehmlichkeiten, aber als Kind sah er das nicht so eng. Dann kam die Ausreise nach Deutschland. Eine fremde Welt, eine fremde Umgebung, eine ungewohnte Sprache. Natürlich wurde zu Hause deutsch gesprochen, aber nur heimlich im Haus. Außer Haus war deutsch verboten! Während er in Polen der Deutsche war, war er nun in der Bundesrepublik der Pole. Aber auch diese Zeit des Eingewöhnens ging vorüber. Aber es tat weh. Heute reist er nach Polen, die Sprache ist für ihn ja kein Hindernis, und zeigt seinen Kindern die Schönheiten seiner Heimat.

Am Samstagvormittag gab es noch einmal eine Vortragsreihe. Prof. Dr. Peter Chmiel, der an der Universität in Breslau sein Lehramt ausübt, aber eigentlich im Rheinland wohnt, berichtete über den seit 1991, also bereits seit 20 Jahren bestehenden, deutsch-polnischen Vertrag. Die Vorgeschichte der offenen Wunden durch den Versailler Vertrag, die Zeit des Nationalsozialismus und der Krieg, die Verträge der Alliierten, Festlegung der Grenzen, und dann, nach der polnischen Wende 1989/1990 der deutsch-polnische Versöhnungsprozess, die Auseinandersetzung um die Grenz- und Eigentumsfrage; Abschluss und Ratifizierung des Nachbarschaftsvertrages. Deutschland und Polen auf einem gemeinsamen Weg zum vereinten Europa. Ein sehr guter Vortrag.

Danach folgte ein Vortrag von Günter Donder. Er hatte es sich mit ein paar Weggefährten zur Aufgabe gemacht, die masurische Sprache zu dokumentieren. Viele Mundarten werden heute in Deutschland gesprochen, in vielen Mundarten werden auch Theaterstücke aufgeführt, aber die masurische Sprache ist verschwunden. Sie entstand aus dem Alt-Polnischen, wurde durch deutsche bzw. preußische Worte ergänzt, in den masurischen Gebieten auch nicht überall gleich gesprochen, wie das bei Mundarten so ist, aber mit dem Krieg und der Flucht ging diese Sprache verloren. Er stellte ein kleines Werk vor, eine kleine Zusammenfassung in Form eines Wörterbuches mit einer CD, auf der das masurische auch zu hören ist. Ein Stück Erinnerung.

Vielen der Seminarteilnehmer war der Ort Bad Pyrmont unbekannt. So führte Detlef Ollesch, ein in Bad Pyrmont wohnendes Mitglied der Kreisgemeinschaft und Seminarteilnehmer, die interessierten Seminarteilnehmer durch die Stadt. Er zeigte ihnen die Schönheiten, Kunstwerke und den Kurpark von Bad Pyrmont, sprach von dem heilenden Wasser, das hier sowohl warm als auch kalt aus der Erde tritt und berichtete auch einige lustige Geschichten aus der Bäderzeit, die bei Allen gut ankamen.

Nach dem Mittagessen wurden Arbeitsgruppen gebildet. Folgende Themen standen zur Wahl:

Alle Gruppen konnten gebildet werden und fanden regen Zuspruch.

Nach dem Abendessen las Dr. Burkhard Wittek noch etwas aus seinem Buch "Masuren – Mein Ort. Nirgends". Danach begann der gemütliche Teil des Abends mit Gesang und Unterhaltung.

Nachdem Domherr Andre Schmeier aus Allenstein am Samstagabend noch zu der Seminargruppe kam, begann der Sonntag mit einem Ökumenischen Gottesdienst, der durch einen kleinen Film von der Kirche aus Friedrichshof eingeleitet wurde. Danach berichtete Domherr Schmeier über seine Arbeit in Masuren und Ermland. Als katholischer Pfarrer hält er dort Gottesdienste in deutscher Sprache. Er berichtete, das die Schar seiner deutschsprachigen Gläubigen leider immer kleiner werde. Dann sagte er: "Als ich vorhin in dem Film die leere Kirche sah, fiel mir spontan ein, warum! Ihr seid alle hier!" So ist es wohl.

Nach dem Vortrag stand noch eine kleine Zeitspanne für die Gruppenarbeit zur Verfügung, dann wurden die Ergebnisse präsentiert. Als besonderes Ergebnis sei hier genannt, dass in Bad Pyrmont ein neues Schriftleiterteam, Detlef Ollesch und Alfred Olbrisch, für den Ortelsburger Heimatboten gewonnen werden konnte, nachdem Alfred Denda, nach vielen Jahren seiner Tätigkeit aus gesundheitlichen Gründen, zurückgetreten war. Aber auch die anderen Gruppen konnten gute Ergebnisse vorweisen. So gab sich die Arbeitsgruppe Zukunftswerkstatt einen Namen: Dialogkreis "Miteinander reden – Rasem pogadac". Diese Gruppe, angeführt von Gregor Gonsowski, wird nicht nur die Arbeit des bisherigen Dialogkreises weiterführen, sondern auch den Kontakt zu den jungen Mitgliedern der deutschen Minderheit in Szczytno/Ortelsburg pflegen und fördern. Einige Projekte wurden schon skizziert. Der Anfang soll mit der Ausgabe eines deutsch – polnischen Bildbandes im kommenden Jahr gemacht werden.

So ging das Seminar zu Ende. Bei dem gemeinsamen Mittagessen waren alle eine große ostpreußische Familie. Leider hieß es dann Abschiednehmen. Bis zu einem nächsten Mal.

Hans Napierski